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Entwicklung der "Taubstummen" — Gehörlosen und Schwerhörigenpädagogik

 

Überblick: Relevante Prozesse, Strukturen, Daten  

Rückblick

  • Schon Aristoteles war der Ansicht, dass nicht sprechende Menschen auch des Denkens nicht fähig seien und setzte die Gehörlosen in eine Kategorie mit den Stumpfsinnigen und Tieren:
    "Die Sprache beruht auf der Gliederung der Stimme mittels der Zunge ... Alle Tiere, welche entweder gar keine oder keine freie Zunge haben, entbehren der Sprache. ... Alle Taubgeborenen sind auch stumm, daher haben sie zwar eine Stimme, aber keine Sprache. .." (zit. nach Schumann, 1940: Geschichte des Taubstummenwesens vom deutschen Standpunkt aus dargestellt. Diesterweg, Frankfurt a. M.)
  • Im Mittelalter glaubte man, dass Staub oder Würmer den Gehörgang verstopften oder dass die Gehörlosigkeit eine Strafe Gottes sei
  • Lange Zeit wurden gehörlose Menschen für bildungsunfähig gehalten

Die Frühphase der Taubstummenbildung in Preußen

Definition:
Kinder, die von Geburt an oder in früher Kindheit gehörlos sind, können die Lautsprache nicht ohne besondere Förderung erlernen. Aufgrund dessen nannte man sie fälschlicherweise "Taubstumm".
  • Anfänge der Taubstummenerziehung Mitte des 16. Jahrhunderts durch Pedro Ponce de Leon (+1584). Der Benediktinermönch unterrichtet in Spanien als erster Gehörlose in Lautsprache, um diese erbfähig zu machen.
  • Unterricht stellte Finanz- und Existenzgrundlage der Lehrer dar
  • Geheimhaltung der Methoden: diese wurden teilweise in der Familie weitervererbt
  • 1770 Gründung der ersten Schule durch Abbé de l‘Epée in Paris: Seine Unterrichtsmethode basierte auf Gebärdenzeichen, einem Handalphabet und der Schrift (manuelle Methode).
  • 1778 1. deutsche Schule in Leipzig - Gründer Samuel Heinicke. Er forderte, dass Gehörlose wie Hörende in Lautsprache denken und sprechen sollten (orale Methode)
  • Anfangsphase wurde in der Hauptsache durch private Anstalten getragen
  • immer stärkeres Auftreten von Einrichtungen führte zur Übernahme der Aufsicht durch den Staat
  • gleichzeitig kristallisierten sich 2 Grundmethoden heraus
    • "französische Methode" - Vertreter l‘Epée beinhaltet Gebärdensprache fortgeführt durch Sicard
    • "deutsche Methode" - Grundkonzept von Amman weiterentwickelt von Hill und Vatter beinhaltet Lautsprachmethode
  • Der Arzt Johann Konrad Ammann (1669-1724) bemerkte beim Sprechunterricht, dass die Vibrationen der Stimme durch Abfühlen empfunden und nachgeahmt werden können.
  • die 1. preußische Anstalt wurde 1778 gegründet und 1798 verstaatlicht
  • hierdurch Multiplikatorenverfahren möglich (wechselnde Besetzung der 2. Lehrerstelle)
  • 1816 erster besonderer Schulunterricht für schwerhörige Kinder durch G. Guggenmoos an seiner "Lehranstalt für schwerhörige und schwersprechende Kinder" in Hallein/ Österreich
  • 1828 ministerielle Verfügung der "Bildungsverallgemeinerung"
  • Ab den 1820ern setzte sich die  "Verallgemeinerung" durch, d.h. das gehörlose Schüler in Volksschulen mitunterrichtet wurden. Gehörlose Kinder sollten von der hörenden Umwelt nicht isoliert werden, im Kreis ihrer Familie aufwachsen und wohnortnah beschult werden. Dies scheiterte an zu großen Klassen, fehlender individueller Förderung und nicht spezifischer Ausbildung der Lehrer.
  • 1860 Beginn der Abspaltung der Taubstummenschule aus der Volksschule
  • 1870 Gesetz zur Trennung der Taubstummenschulen von den Volksschulen, Aufbau des Sonderschulwesens.
  • 1873 Preußisches Dotationsgesetz: Taubstummenschulen werden Provinzialverwaltungen unterstellt. Dies ermöglichte feste Grundsätze und einheitliche Planung.
  • Ausbau einer eigenständigen, wissenschaftlich fundierten Lehrerausbildung
  • 1880  II. Internationaler Mailänder Kongress (I. Kongress war 1878 in Paris): es wurde beschlossen, die lautsprachliche Methode der manuellen Methode (Gebärdensprache) vorzuziehen. Damit setzte sich Heinickes "deutsche" Methode durch. Daraufhin wurde die Gebärdensprache aus den Gehörlosenschulen verdrängt und alle gehörlosen Lehrer mussten ihren Beruf aufgeben
  • Bundesversammlung der Gehörlosenlehrer 1900


Entwicklungen nach 1900

  • Nach 1900 war der Absolutheitsanspruch der rein oralen Methode nicht mehr aufrecht zu erhalten.
  • Die Forderungen der deutschen Gehörlosenbewegung die kombinierte Methode wieder einzuführen und die gehörlosen Lehrer wieder einzustellen wurden aber bis 1980 nicht ernst genommen.
  • erste Schwerhörigenklasse an einer öffentlichen Schule 1902
  • erste öffentliche Schwerhörigenschule 1907
  • Am 01.04.1902 wird Reinfelder Leiter der ersten, öffentlichen Schwerhörigenklasse Deutschlands. Die Klasse trägt die unglückliche Bezeichnung "Nebenklasse für schwerhörige und schwachsinnige Kinder", was dazu führt, daß nur wenige Eltern ihre Kinder in dieser Klasse unterrichten lassen.
  • Im Jahr 1907 wird Reinfelder Leiter der ersten "Hilfsschule(Hörschule) Berlin".
  • Ab 1911 gab es die gesetzlich festgeschriebene Schulpflicht für gehörlose Kinder
  • In dem Zeitraum von 1894 bis zu Beginn des 1. Weltkrieges wurden in allen größeren Städten Deutschlands Schwerhörigenklassen oder —schulen gegründet
  • 1926 wird der erste amtliche Lehrplan für Schwerhörigenschulen veröffentlicht
  • 2. Weltkrieg: völlige Zerschlagung der Schwerhörigenbildungsorganisation

Mit dem Beginn des 2. Weltkrieges ändern sich die Zielsetzungen. Primäres Ziel ist es nun, den bestehenden Bestand zu wahren. Gründe waren die globale Wirtschaftskrise, die ablehnende Haltung des Nationalsozialismus gegenüber der Pädagogik und speziell gegenüber Behinderten, die nicht zur Herrenvolksideologie passten.

  • 1933 wird der Bund der dt. Taubstummenlehrer zerschlagen und nur ein Jahr später auch der Verband der dt. Hilfsschulen. Trotz dieser Maßnahmen scheuen sich die Nationalsozialisten nicht, im späteren Verlauf des Krieges Schwerhörige für den Einsatz in der Wirtschaft etc. auszubilden.
  • Weitere Informationen zur NS-Ära hier. Rahmenbedingungen und Ereignisse:
    • "Gesetz zur Verhütung erbkranken  Nachwuchses" (14.07.1933)"
    • "Gesetz zum Schutze der Erbgesundheit" (10.10.1935)
    • Schließung und Zusammenlegung von Gehörlosenschulen
    • Ausschluss von schwachbegabten Schüler
    • Bund der deutschen Taubstummenlehrer wird zerschlagen, ein Jahr später auch der Verband der deutschen Hilfsschulen
  • Gegen Ende des 2. Weltkrieges ist die Schwerhörigenbildung als Organisation völlig zerschlagen. Ursachen dafür sind sicherlich fehlendes Personal, fehlende Räumlichkeiten und fehlende Gelder

Entwicklung der Schwerhörigenbildung

  • Nach dem 2. Weltkrieg soll das alte Schulwesen wieder aufgebaut werden, wobei man sich an den bereits vorhandenen Formen von Schwerhörigenschulen und -klassen orientiert.
  • 1965 wird die Abteilung Sonderschulwesen am Institut für Unterrichtsmethodik der Universität Berlin eingerichtet
  • Mitte der 1950er Jahre kann man die Entwicklung der dt. Schwerhörigenbildung kaum zusammenhängend darstellen, weil die Teilung Deutschlands nachhaltig Einfluß auf diese nahm. Die Gemeinsamkeiten finden sich nur noch inhaltlich, jedoch nicht auf der institutionellen Ebene
  • Mit der Entwicklung von neuen leistungsstarken Hörhilfen (Hörgeräte) müssen die Behinderungsgrade neu eingeordnet werden.
  • Die Forderung nach einer Früherziehung hörbehinderter Kleinkinder kommt auf.
  • In den 1960er und 1970er Jahren wird über die Integration Behinderter diskutiert. Diese Forderung kann sich letztlich jedoch nicht durchsetzen
  • In der Gegenwart werden trotz eines Anstiegs der Schwerhörigenklassen und -schulen nur ein relativ geringer Prozentsatz von Kindern behinderungsspezifisch betreut und gefördert. Gründe dafür sind oftmals eine nicht eindeutige Zuordnung der Kinder (Gehörlos, Schwerhörig etc.), die Behinderung wird auch heute noch nicht immer erkannt und die bewusste Wahl einer anderen sonderpädagogischen Einrichtung (die Gründe dafür sind unterschiedlicher Art)
  • Während der gesamten Entwicklung galt das Hauptinteresse der Herauslösung der Schwerhörigen aus den Gehörlosenschulen.
  • In NRW hat sich ein relativ dichtes Netz von Schwerhörigenschulen entwickelt, während in anderen Bundesländern dies nicht der Fall ist.
  • Gebiete mit einer sehr geringen Bevölkerungsdichte verwenden meistens ein kombiniertes Modell aus Gehörlosen- und Schwerhörigenschule.

Medien

  • PowerPoint-Präsentation "Die Entstehung und Entwicklung der 'Taubstummen'-Bildung"
    Autorinnen: Agathe Pawlas, Veronika Bußmann, Lena Reiter, Anna Müller -> Download

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