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Fokus: Euthanasie im NS-Staat

 

Quellen

Folgende Texte und Bilder sollen Tendenzen und Prozesse der NS-Zeit veranschaulichen.

 

Behinderte, v.a. Geisteskranke aus den Anstalten wurden in
Vernichtungsanstalten gebracht und dort in Gaskammern ermordet.
Die Euthanasie war organisierter Massenmord des NS-Regimes.
Ein Klick auf das rechte Foto ruft einen Auszug aus einer "Krankenakte"
der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren auf: Ernst Lossa, geboren 1929,
wird im August 1944 als "Euthanasiert" in die Kartei eingetragen.

Entnommen aus: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. 03. 2000, S. 52.
Frankfurt/ M. 2000

Krankenakte

 

"1938 wurde ich schwanger. Zuerst habe ich es nicht geglaubt. Meine Mama war sehr erschrocken, weil ich schwanger war. Wir sind zum Frauenarzt gegangen. Er hat mir gratuliert. Ich war wirklich schwanger. Aber ich war doch sterilisiert! Ich mußte in die Frauenklinik. Man hat mir meine Kleider weggenommen. Ich mußte dableiben. Ich wollte nach Hause, aber sie haben mich im Zimmer eingeschlossen. Ich wollte fliehen, aber ich bin gepackt worden. Ich habe viel geweint, Ich war verzweifelt. Ich wollte aus dem Fenster rausspringen. Nach der Operation bin ich in der Intensivstation aufgewacht. Die Schwester sagte: Es war ein Bub. Er war normal. Die Schwester hat gesagt, daß sie schweigen muß. Christian, mein Verlobter, hat mich auf der Intensivstation besucht. Er hat gesagt: Wir stehen unter der Macht. Wir bleiben beisammen! 1938, nach der Abtreibung wollten wir unbedingt heiraten. Der Standesbeamte sagte, daß ich nochmal sterilisiert werden muß. Ich wollte ins Kloster gehen, bis Hitler den Krieg verloren hat. Aber mein Verlobter sagte: Dort wird auch sterilisiert und abgetrieben. Mein Mann wollte mich heiraten! Schweren Herzens ließ ich mich nochmal sterilisieren. 1941 konnten wir heiraten, weil ich sterilisiert war. Ich war so traurig ohne Kinder. Und der Liebesakt war nicht wie vorher."

Entnommen aus: Bericht einer Gehörlosen. Auszug aus der Broschüre der Redaktion "Sehen statt Hören" zur Sendung am 15. I. 1982 "Gehörlose Opfer der Nazi-Herrschaft" (Bayerisches Fernsehen), in Zusammenarbeit mit der Bundesarbeisgemeinschaft der Elternvertreter und Förderer Deutscher Gehörlosenschulen.

 

41. Geheimer Auftrag Hitlers an Reichsleiter Philipp Bouhler, Chef der Kanzlei des Führers der NSDAP, und Karl Brandt, Begleitarzt des "Führers", vom 1. September 1939 über den Beginn der "Euthanasie"-Aktion

Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, daß nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.

Entnommen aus: IMG, Bd. XXVI, S. 169, Dok. 630-PS. Der Geheimauftrag ist mehrfach in Faksimiles abgedruckt. Handschriftliches Marginale auf dem Originaldokumerit: "Von Bouhlermir übergeben am 27.8.40. Dr. Gürtner" Er wurde von Hitler Ende Oktober 1939 unterzeichnet auf den 1. September zurückdatiert und gilt in der historischen Literatur als Beginn der Euthanasie-Verbrechen.

 

Im Februar 1935 gelobte der neu ernannte Direktor des Aachener Realgymnasiums, Dr. Peter Kill, feierlich vor den anwesenden Schülern, Eltern und Behördenvertretern, "die Anstalt im Geiste des Nationalsozialismus [zu] leiten." (entnommen aus: Aachener Anzeiger vom 14.02.1935)
Das Hauptziel sei dabei die

"Erziehung zur Volksgemeinschaft, völkische Erziehung. Das erfordert Umstellung in der Methode und Zielsetzung, vor allem aber Pflege der Gemeinschaftserziehung.
Ganz besonderes Augenmerk ist auf die körperliche Ausbildung zu richten. Hierbei kommt es darauf an, gesunde kräftige Menschen heranzubilden, die körperliche Tüchtigkeit mit geistigen Leistungen verbindet, aber auch bereit sind, ihre Tüchtigkeit in den Dienst des Volksganzen zu stellen, die bereit sind zu Opfern für Volk und Vaterland, die den Frontgeist unserer Kämpfer von Langemarck, Verdun und der Somme lebendig erhalten." (entnommen aus: ebd.)

Die Einübung in die ökonomische Notwendigkeit, "unnütze Esser" zu beseitigen, wurde den Schülern z.B. in Dreisatz-Rechenaufgaben nahegebracht:

"Der jährliche Aufwand des Staates für einen Geisteskranken beträgt im Durchschnitt 766 RM, ein Tauber oder Blinder kostet 615 RM, ein Krüppel 600 RM. In geschlossenen Anstalten werden auf Staatskosten versorgt: 167.000 Geisteskranke, 8.300 Taube und Blinde, 20.600 Krüppel.
Wieviele Mill. RM kosten diese Gebrechlichen jährlich? Wieviele erbgesunde Familien könnten bei 60 RM durchschnittlicher Monatsmiete für diese Summe untergebracht werden?" (entnommen aus: Flessau, Kurt-Ingo: Schule der Diktatur. Lehrpläne und Schulbücher des Nationalsozialismus. Frankfurt/ M. 1984, S. 201)

 

Propagierung der NS-Rassenlehre in der Aachener Region

Am 22. Februar 1935 verkündete Propagandaminister Joseph Goebbels in Anwesenheit der Ratsherren der Stadt Aachen, allen voran Oberbürgermeister Quirin Jansen und NSDAP-Kreisleiter Eduard Schmeer, in der Aachener Westparkhalle unter "dröhnendem und durchbrausendem Beifall":

"Man sagt: Es ist wider den Willen Gottes, daß man erbkranken Nachwuchs vernichtet. Ist es vielleicht für den Willen Gottes, daß Deutschland für Idioten und Epileptiker, die niemals geheilt werden können, im Jahr über 100 Millionen ausgibt und für gesunde Kinder nur 4½ Millionen? Ist es unchristlich, dafür zu sorgen, daß diese Unglücklichen sich nicht vermehren? Ist es unchristlich, wenn man diesen Nachwuchs nicht duldet, dafür aber der gesunden Jugend die Möglichkeit gibt, zu gedeihen und sich zu entwickeln? Wenn beispielsweise die Konfessionen, die auf dem Standort stehen, daß niemand das Recht hat, Epileptikernachwuchs zu verhindern, sich bereit erklären, dafür die Kosten zu tragen - immerhin, bitte schön!" (entnommen aus: Aachener Anzeiger/ Politisches Tageblatt vom 23.02.1935)

 

Rassenhygienisches Bewusstsein und eine von ökonomischen Nützlichkeitserwägungen diktierte Sozialpolitik wurden in Schulbüchern propagiert. Entnommen aus: Hermann Römpp: Lebenserscheinungen. Eine allgemeine Biologie für die Oberstufe höherer Lehranstalten und zum Selbstunterricht, Stuttgart 1933, S. 150.
Es zeigt anschaulich, wie durch den Appell an Mitleidsgefühlen Mord legitimiert werden sollte:

"Zu der fortschreitenden Verdummung kommt noch die Belastung des Volkskörpers mit unbrauchbaren, verbrecherischen Elementen, mit körperlich Kranken, denen das Leben zur Qual wird, mit Epileptikern, Irrsinnigen, Säufern usw. Der jährliche Gesamtaufwand für die erblich Minderwertigen beträgt in Deutschland zur Zeit etwa 350 Millionen Reichsmark. Eigentlich sollte man annehmen, daß diese erblich Belasteten durch die Stimme des Gewissens davon abgehalten werden sollten, ihre Krankheiten in ungezählten Generation fortleben zu lassen. Wenn sie eine Empfindung dafür hätten, wieviel Elend und Not, wieviel Schmerz und Jammer sie über ihre Kinder und Kindeskinder bringen können, müßten sie aus freiem Entschluß auf Nachkommenschaft verzichten. Für die erbliche Belastung kann der Einzelmensch nichts - er ist unschuldig daran, daß ihm das Vererbungsschicksal größere Lasten auferlegte als den Gesunden; er verdient dafür das Mitgefühl und die hilfsbereite Unterstützung der Glücklicheren. Es liegt in seinem Entschluß, die krankhafte Anlage durch freiwilligen Verzicht auf Nachkommenschaft zum Verschwinden zu bringen oder sie in alle Ewigkeit fortzupflanzen. Das Letztere ist eine sittliche Schuld von ungeheurem Ausmaß, die der Staat mit größerem Recht bestrafen könnte als manche belanglose Vergehen, über die in den Gerichtshöfen verhandelt wird. Wer einen andern lahmschlägt, kommt mit Recht ins Gefängnis; wenn aber ein erblich Belasteter seine Lähmung, seine Blindheit, seinen Irrsinn, seine Taubstummheit oder sonst ein schweres Leiden mehrfach fortpflanzt und damit nicht nur einen einzelnen Menschen, sondern Dutzende, ja Hunderte von künftigen Geschlechtern unglücklich macht, findet man daran nichts Besonderes! Noch vor wenigen Jahren konnte es z.B. vorkommen, daß gerichtlich für unzurechnungsfähig erklärte Geisteskranke und Verbrecher ohne weiteres heiraten und damit ihre nachteiligen Anlagen vermehren konnten.
Solche Fälle müssen, künftig unter allen Umständen verhindert werden! Es ist sehr erfreulich, daß hier durch eine entschlossene Äderung der Gesetze Wandel geschaffen wird. Die deutsche Jugend hat wahrlich kein Interesse daran, ihren knappen Lebensraum auch noch mit Schwachsinnigen, Irren, Säufern und Halunken zu teilen. Es ist eine nationale Pflicht von größtem Ausmaß, Deutschland von der überhandnehmenden Minderwertigkeit, von Erbkrankheit und unabsehbarem Elend zu befreien. Diese Aufgabe geht alle Deutschen an, den Arbeiter, den Bauern, den Bürger - alle Volksgenossen, die ernstlich gewillt sind, das Elend zu mindern und die Hemmnisse zu beseitigen, die sich dem Aufschwung unseres deutschen Volkes entgegenstellen."

 

Bilder:

Alle Bilder sind folgendem Buch entnommen:
Thus, Armin: "...vom Leid erlösen" - Zur Geschichte der nationalsozialistischen "Euthanasie"-Verbrechen. Texte und Materialien für Unterricht und Studium. Mabuse-Verlag. Frankfurt/ M. 1995


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