Heilpädagogik - Geschichte

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Entwicklung der Lernbehindertenpädagogik

 

Rahmenbedingungen

Vorläufer der Hilfsschulbewegung

Allgemeine, einführende Gesichtspunkte zur Behandlung und Erziehung von "schwachsinnigen" Kindern und Jugendlichen

Bis ins 19. Jahrhundert traten weder aus reichem Haus stammende noch arme "schwachsinnige" Kinder und Jugendliche ins öffentliche Bewusstsein. "Schwachsinnige" Kinder und Jugendliche aus reichem Haus erhielten häufig Privatunterricht, die armen "schwachsinnigen" Kinder und Jugendliche ausdem einfachen Volk wurden in den Volksschulen und deren Vorläufern mehr betreut als gefördert.
 

Die Anfange der Bildung und Erziehung "Schwachsinniger" bis zur Aufklärung

1533 schreibt Peter Jordan aus Mainz für die "Deutsche Schule" das Buch "Leyenschul. Wie man künstlich und behend schreyben und lesen soll lernen"

Johann Amos Comenius (1592-1670) geht in 1657 gedruckter "Didactica magna" näher auf von Natur aus schwache Kinder ein.
 

Bildung und Erziehung "Schwachsinniger" im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts

Die Geistesströmungen der Aufklärung und des Rationalismus begreifen den Menschen mit seinem Verstand als sich entwickelbares Wesen. Allen Menschen soll eine ihren Möglichkeiten entsprechende Bildung zukommen:

Anstaltsgründungen

Pfarrer Karl Haldenwang (1803-1862) gründet 1838 die "Rettungsanstalt für schwachsinnige Kinder" in Wildberg.
Lehrer Karl Ferdinand Kern (1814-1868) gründet 1838 eine Anstalt für Taubstumme. Aus der 1842 eine Abteilung für "Schwachsinnige" ausgegliedert wird.
Schweizer Arzt Guggenbühl eröffnet 1841 die "Heilanstalt für Kretinen (Schwachsinnige) und blödsinnige Kinder" auf dem Abendberg. Er verbindet Medizin und Pädagogik Alle drei Anstalten gehen auf private Initiativen zurück
1. Öffentliche Einrichtung: "Erziehungsanstalt für blödsinnige Kinder in Hubertusburg" 1846

Spezialklassen und Nachhilfeklassen

1835 entsteht in Chemnitz die "Notschule" für die 14-20jährigen Schüler, die noch nicht über die zur Konfirmation nötigen Kenntnisse verfügen. Später werden ausschließlich Lernschwache beschult.
Armenfreischule in Zeitz bietet ab 1803 eine Nachhilfeklasse an, in der Schüler 1-2 Mal am Tag im Rechnen, Lesen, Schreiben geschult werden.

Vorgänger und Herkunft der Hilfsschulen

Ziel der Nachhilfeklassen: Rückversetzung in die Volksschule sowie das Erreichen eines Bildungsabschlusses => Nachhilfeklassen keine Vorläufer der Hilfsschulen.
Anstalten, in denen die ersten Hilfsschullehrer hospitierten, werden ebenfalls nicht als Vorläufer der Hilfsschule verstanden.


Hilfsschuleinrichtung

Schüler der Hilfsschule

Organisation der Hilfsschule

Übergang zur Lernbehinderten-Schule in den 1920er Jahren

Verbreitung der Hilfsschulen bis 1918 (dt. Reich)

Verbreitung in der Weimarer Republik

in 320 Städten

in 750 Städten

insgesamt 1805 Klassen

insgesamt 3966 Klassen

43.ooo Schüler

71.902 Schüler


Didaktik und Methodik

1881 Hilfsschulen werden in Leipzig (durch Heinrich Ernst Stötzner) und Braunschweig gegründet. Diese gelten als Ausgangspunkt für weitere Schulgründungen. Stötzners Schrift "Schulen für schwachbefähigte Kinder" drückten zum ersten Mal den Begriff Hilfsschule klar aus.

Konzeption der Hilfsschule nach Stötzner:
4. Stufe:

3. Stufe:

2. Stufe:

1. Stufe:

Singen und Turnen sind für alle Stufen notwendig, Handarbeit schließt sich unmittelbar an die Kindergartenbeschäftigung an. Stötzner ging es um Erziehung zur Erwerbstätigkeit und auch um geistigen Entwicklung durch die Handbetätigung.


Diagnostik (um 1880)

(A) zweimaliges Sitzenbleiben
(B): Schwachsinn war eine medizinisch - psychiatrische Kategorie, d.h. von einem Arzt festzustellen.
(C) Prüfung durch den Leiter oder einen Lehrer der Hilfsschule
Entscheidung lag beim Prüfungsausschuss gebildet aus dem Leiter der Hilfsschule, dem Schularzt und dem Schulrat

 

Lehrpläne (um 1880)

 

Unterrichtsprinzipien

 

Unterrichtsbeispiel aus FUCHS: Versuch einer Hilfsschulpädagogik. Berlin 1967, S. 42-46

Märchen: Vom Wolf und von den sieben Geißlein.

Ziel: Ich will euch von einer alten Geiß erzählen.

Vorbereitung: Wovon will ich euch erzählen? Wer hat schon eine Geiß gesehen? Wo? War sie immer auf der Wiese? Was tut sie auf der Wiese? Wann wohnt sie im Stall? Was tut sie im Stall? Was frißt die Geiß? Hast du die Geiß allein gesehen? ‚Wer war bei ihr? - Ich will roch von einer a!teml Geiß erzählen. Woran man das wohl gesehen hat, daß es eine alte Geiß war? Sie war groß, hatte lange zottige Haare usw. Nun hört:

Darbietung: Es war einmal eine alte Geiß. Sie hatte sieben junge Geißlein. Sie hatte die Geißlein so lieb, wie eine Mutter ihre Kinder lieb hat. Einmal wollte die alte Geiß in den Wald gehen und Futter holen. Da sagte sie zu den Kindern: "Liebe Kinder! seid hübsds aufmerksam und macht die Tür nicht auf, sonst kommt der Wolf herein und frißt euch auf mit Haut und Haar." Da sagten die Geißlein: "Geh nur hin, liebe Mutter, wir wollen schon aufpassen." Da meckerte die alte Geiß noch einmal und ging in den Wald.

Wovon habe ich euch erzählt? Die Kinder gehen ihrer Meinung Ausdruck. Geschulte Schwachsinnige erkennen sofort den Hauptinhalt, der in konkreter, knapper Form festgelegt und eingeprägt wird. 

Anstalts und Schulalltag

Texte (Auszüge sollen Stimmungslage jener Zeit zeigen):

Frieda Stoppenbrink-Buchholz (1897 - 1993):
"Und meine Tante, die hatte das nun sehr praktisch gemacht. Also, wie eine geborene Hilfsschullehrerin, die paßte dafür. Die hatte allerhand mitgebracht: Den einen Tag waren es Bananen, da kriegte jedes Kind eine Banane und das wurde erst besprochen von draußen, von drinnen und befühlt und betastet, und dann durfte man sie aufessen. Und so machte sie das. Sie brachte Fisch mit und da kriegten wir kleine Messer, ich hab das also alles mitgemacht. Und da dacht ich so: Das ist ja hier viel interessanter als in meiner Schule! Wir kriegten ja so etwas nicht. Denn früher war es ja langweilig in den Schulen. Ich mein, auch für ganz normale Kinder."

Ministerialerlaß für Preußen vom 2.1.1905:
"Es ist ferner daran festzuhalten, daß die eigentliche Erziehung, die Anleitung des Kindes zum Guten, die Anregung und Pflege seines Gemütes, die Gewöhnung an gute Sitten und Ordnung die Hauptaufgabe der Hilfsschule sein muß, gegen welche die Aneignung von Kenntnissen zurückzutreten hat."

Ministerialerlaß für Preußen 2.1.1905:
"In die Hilfsschule gehören nicht die an sich normal veranlagten Kinder, die erzieherisch vernachlässigt oder infolge von Kränklichkeit usw. zurückgeblieben sind, sondern nur die für den Volksschulunterricht als zweifellos nicht hinreichend begabt erkannten Kinder...Die Hilfsschule ist keine Nachhilfeschule, und sie verfolgt nicht das Bestreben, die ihr anvertrauten Kinder nach einiger Zeit in die Volksschule zurückzubringen"

 

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