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Medien

 

Text: Krüppelbewegung
von Markus Brück

Die Organisationen für Menschen mit einer körperlichen Behinderung nach dem 2. Weltkrieg

Nach Ende des 2. Weltkrieges war die erste Gruppe behinderter Menschen, die Organisationen hatte zur Durchsetzung ihrer Interessen, die Gruppe der Kriegsbeschädigten in den Kriegsversehrtenverbänden. Die beiden größten und heute noch bedeutenden Verbände sind der "Reichsbund der Kriegs- und Wehrdienstopfer, Behinderten, Sozialrentner und Hinterbliebenen" (seit März 2000 "Sozialverband Deutschland" mit etwa 1 Million Mitglieder (Kölner Stadt Anzeiger, 13.3.2000) und der "VdK" (vgl. Jähnert 1995, 71; Sandfort 1990, 8). Auf Druck der Alliierten mussten die Kriegsversehrtenverbände jedoch auch sog. Zivilbeschädigte zulassen und deren Interessen mitvertreten (vgl. Fandrey 1990, 261-262).
Seit Ende der 1950er/ Anfang der 1960er Jahre gründeten Eltern behinderter Kinder Elternvereine. Die Eltern orientieren sich dabei an den Behinderungen ihrer Kinder. So entstanden z.B. der "Verein zur Förderung spastisch gelähmter Kinder" oder die "Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind". Die Arbeit dieser Elternvereine war außerordentlich erfolgreich: ein System entsprechender teilstationärer Einrichtungen entstand: Sonderkindergärten, Sonderschulen und Werkstätten. Nicht selten waren die Elternvereine selbst Träger dieser Einrichtungen.

Ungeachtet ihrer Erfolge erschwerten letztlich die Elternvereine als solche die emanzipatorischen Bestrebungen der tatsächlich von Behinderung betroffenen Menschen. Aus den "Kindern" der Elternvereine wurden Jugendliche und Erwachsene. Deren Interessen deckten sich nur selten mit den Interessen der Eltern. Eine Mitwirkung der jugendlichen oder erwachsenen Menschen mit Behinderung in den Vereinen ihrer Eltern war jedoch weder geplant noch in den Satzungen vorgesehen. Im übrigen erscheint eine solche Zusammenarbeit gerade vor dem Hintergrund einer erhöhten Abhängigkeit von den Eltern durch die Behinderung überaus konfliktbehaftet. (vgl. Buch / Heinicke u.a. 1980, 195; Jähnert 1995, 71-72; Sandfort 1990, 11; Sierck 1982, 152)

Seit Anfang der 1970er Jahre begann eine Entwicklung, die etwas qualitativ anderes, neues war: die Krüppelbewegung entstand und formierte sich (vgl. Fandrey 1990, 264 ). Qualitativ anders war sie deswegen, weil bislang meist nichtbehinderte Funktionäre oder Eltern für Menschen mit einer Behinderung eintraten. Dies wurde durch die Entwicklung der Krüppelbewegung nicht nur in Frage gestellt, sondern letztlich vehement und unbedingt abgelehnt. Menschen mit einer körperlichen Behinderung forderten für sich selbst die gleichen Rechte und Möglichkeiten, wie nichtbehinderte Menschen sie als selbstverständlich erachten.

Die Entstehung der "Krüppelbewegung" 1970 - 1981

Der in diesem Abschnitt beschriebene Zeitraum war derjenige, der für die Krüppelbewegung die aktivste und erfolgreichste Phase umfasst. Die Krüppelbewegung konnte am Schluss dieser Phase, 1981, ihre wohl größte öffentliche Aufmerksamkeit erringen.

"Krüppelrealität" – Grundsätzliches über die Lebensrealität von "Krüppeln"
Menschen mit einer körperlichen Behinderung sahen sich Bedingungen ausgesetzt, die in dieser Qualität nur für sie galten und kaum mit denen anderer benachteiligter Menschen (ausgenommen hiervon teilweise sicherlich Menschen mit einer geistigen oder seelischen Behinderung) übereinstimmen. In diesem Abschnitt werde ich versuchen, anhand von Quellen und Zitaten "Menschenrechtsverletzungen" (Daniels 1983, 10) als Lebensrealität von Menschen mit einer körperlichen Behinderung zu illustrieren und möglichst breit gefächert darzustellen. Die hier beschriebene (sicher manchmal auch von den Betroffenen subjektiv dargestellte) Realität bildet die Grundlage, auf der ein Verständnis des "Krüppelstandpunktes" und des Wirkens und der Zusammensetzung der Krüppelbewegung erst möglich wird. Als Fundament dieses Abschnittes und parallel zu den einzelnen persönlichen Dokumenten zu betrachten stelle ich die Untersuchung von Günther Cloerkes dar, die Mitte der 1980er Jahre auf der Basis von 403 Untersuchungen anderer Wissenschaftler die sozialen und institutionellen Reaktionen und Einstellungen gegenüber Menschen mit einer körperlichen Behinderung zusammenfasste (vgl. Cloerkes 1985, Zusammenfassung, 1).

Der Anblick von sichtbaren körperlichen Behinderungen ruft beim Nichtbehinderten in der Regel psycho-physische Reaktionen wie Angstgefühle und Unbehagen hervor. Dies bestätigen umfangreiche Untersuchungen verschiedener Soziologen und anderer Wissenschaftler, in denen Nichtbehinderte mit u.a. beinamputierten Menschen oder schwer behinderten Menschen mit Dysmelie in Interaktionssituationen gebracht wurden. Dabei können die Reaktionen der Nichtbehinderten – rein physisch – bis zur Qualität eines Schockes reichen (vgl. Cloerkes 1985, Kapitel 15, 2). In der realen Interaktion zwischen Nichtbehinderten und Menschen mit einer körperlichen Behinderung sind solche Reaktionen jedoch wahrscheinlich selten. Gegen diese "originären Reaktionen" (Cloerkes 1985, Kapitel 15, 3) existieren in unserer Gesellschaft fest umrissene Verhaltensvorschriften, die den nichtbehinderten Interaktionspartner zwingen, sich "zusammenzureißen". Der Körperbehinderte wird offiziell als gleichwertiger, wenn auch schutzbedürftiger Partner qualifiziert. Dem behinderten Interaktionspartner wird "the surface acceptance that democratic manners guarantee to nearly all" (Davis 1961, 126f, zit. nach Cloerkes 1985, Kapitel 15, 3) zugestanden.

Dennoch haben diese "originären Reaktionen" weitreichende Konsequenzen. Ein Grundmechanismus sozialer Beziehungen der Menschen tritt in Kraft: unangenehmen oder bedrohlichen Situationen wird, sofern möglich, in der Regel ausgewichen. In diesem Fall bedeutet dies: die Interaktion mit körperbehinderten Menschen wird zukünftig vermieden. (vgl. Cloerkes 1985, Kapitel 16, S.1)Diese Interaktionsvermeidung hat ein relativ hohes Maß an Isolation für den Menschen mit einer körperlichen Behinderung zur Folge und kann Grundlage einer weitreichenden Diskriminierung sein (vgl. Cloerkes 1985, Kapitel 16, 7-10).

Diese Bedingungen veranschaulichen die problematische soziale Realität von Menschen mit einer Körperbehinderung. Wie Betroffene selbst – gerade im Umgang mit Nichtbehinderten – diese Realität erleben oder empfinden, verdeutlichen folgende Aussagen:
So beschrieb ein Contergan-Kind seine Situation wie folgt: "[...] Ich habe keine feste Freundin. Ich will auch keine. Mir gefällt es nicht, wenn eine kommt und mir unbedingt helfen will, und ich muß dann nur noch für sie da sein. Wenn eine kommt und fragt dauernd: »Soll ich dir die Tasche tragen?« oder »Soll ich für dich den Liftknopf drücken?«, dann werde ich wütend. Denn wenn sie geht und sich wieder eine andere Freundin sucht, dann sitze ich da. [...]" (Klee 1981 (b), 176).

Eine behinderte Schriftstellerin aus Frankfurt berichtet: "In der Unibibliothek zu lesen, so ungestört und in Ruhe, ist für mich nahezu unmöglich. Wenn ich an die Karteitruhe unsicheren Schrittes wanke, folgen mir leise zwei Burschen. Ich würde ja schäkern – weshalb sollt´ ich ein Kind von Traurigkeit sein? – aber die Burschen gucken recht verstört. Als ob sie Angst haben. Was möchtest Du denn, flüstert der Eine. "Ausgewählte Reden von Bloch", sage ich verhältnismäßig deutlich und laut. Der Bursche hinter dem, der mich ansprach geht wieder, irgendetwas scheint ihm unheimlich zu sein. [...]" (Christa Schlett, in: Wunder/ Sierck 1982, 184).

Hier beschränkt sich die Interaktion auf die Hilfeleistung. Weitergehende Kommunikation wird von dem Nichtbehinderten deutlich – "er legt den Zeigefinger auf den Mund" (ebenda) – unterbunden.

Ein nichtbehinderter Mensch, der im Rahmen eines VHS-Kurses einmal in die Rolle eines Rollstuhlfahrers schlüpft, beschreibt anschließend:
"Ich bin im Bus. Man sieht die Köpfe der Fahrgäste weit über sich. Die reden über mich. Sie reden mit meiner Begleitung. Niemals mit mir. Wie heißt er denn? fragen sie oder: Wie alt ist er denn? Was hat er denn? will eine Dame wissen. Und als letztes: Kann er reden? Der Behinderte erfährt sich so als Objekt. [...]" (Klee 1981 (b), 179-180).

Dass die Tendenz zur Vermeidung von Interaktion mit Menschen mit einer körperlichen Behinderung tatsächlich bis zur Isolierung und Diskriminierung reichen kann belegt folgendes Beispiel: im Mai 1971 musste eine Jugendfreizeit für Körperbehinderte abgesagt werden, weil der Träger des Ferienhauses, das katholische Jugendferienwerk im Erzbistum Köln meinte, der zuständige Arzt habe die gleichzeitige Belegung des Hauses durch körperlich behinderte und nichtbehinderte Jugendliche nicht gebilligt (vgl. Klee 1981 (a), 11).
Für solche und ähnliche Verhaltensweisen gibt es Beispiele zuhauf: Eine Urlauberin, bekommt Schadensersatz zugesprochen, weil sie im Urlaub "die Anwesenheit einer Gruppe von 25 geistig- und körperlich Schwerstbehinderten" zu ertragen hatte und dies "eine Beeinträchtigung des Urlaubsgenusses darstellen kann" (Landgericht Frankfurt, 25.2.1980, vgl. Christoph 1983, 92 und Fandrey 1990, 254-255). Internate oder Wohnheime in Gemeinden und Ortschaften werden immer wieder von aufgebrachten Bürgern verhindert, öffentliche Räume werden Menschen mit einer körperlichen Behinderung nicht zugestanden: "Wir können unseren gesunden Kindern den Anblick dieser armen Teufel nicht zumuten. So ein Heim gehört nicht mitten in den Ort." (der Bürgermeister der Gemeinde Baindt, der einem Zentrum für Körperbehinderte 1972 die Räumlichkeiten kündigte, zit. nach Klee 1981 (a), 11).

Natürlich betreffen die oben angedeuteten Schwierigkeiten und Probleme (von Kontaktvermeidung bis zur Isolierung und Diskriminierung des letzten Beispiels) nicht alle Beziehungen und Interaktionssituationen von Menschen mit einer Körperbehinderung; natürlich haben auch Menschen mit einer körperlichen Behinderung Freunde, Partner und Partnerinnen; natürlich finden sie Gelegenheit zu Gesprächen und Kommunikation. Deutlich machen sollen die theoretischen Ausführungen und konkreten Beispiele folgendes: eine körperliche Behinderung ist immer auch eine soziale Behinderung. Kommunikation ist nicht nur durch die Behinderung erschwert, sie wird auch "von außen" erschwert. Die persönlichen Folgen für Menschen mit einer körperlichen Behinderung sind vorstellbar.
Neben die Interaktionsvermeidung tritt als zweite erschwerende Bedingung, mit Benachteiligung zu beschreiben, das Verhalten auf institutioneller Ebene gegenüber Menschen mit einer körperlichen Behinderung. Dieses Verhalten wirkt oftmals verstärkend auf die bereits bestehenden Schwierigkeiten. Der institutionelle Bereich gliedert sich in mehrere Bereiche, von denen hier drei exemplarisch vorgestellt werden sollen:

[Anmerkung: Die in den folgenden Abschnitten beschriebenen Umstände und Bedingungen sind meist belegt für die 1970er Jahre. Bewußt stehen die Sätze jedoch im Imperfekt, denn: viele der geschilderten Bedingungen haben bis heute Bestand.]

 

Mobilität

Darunter sind v.a. zwei Aspekte zu fassen: zum einen die architektonische Zugänglichkeit von Gebäuden des öffentlichen Lebens, also sowohl Behörden und Ämter als auch Gebäude wie Fußballstadien, Kino, Theater, Kneipen, etc. Zum zweiten zählen hierzu öffentliche Verkehrsmittel, also Busse, U- und Straßenbahnen, die Bundesbahn / Deutsche Bahn AG und Flugzeuge.
Für den ersten Bereich gilt: Anfang der 1970er Jahre waren fast alle Behörden und Ämter nicht mit dem Rollstuhl zu erreichen. Gleiches galt für kulturelle Einrichtungen, Kneipen, Kinos, etc. Selbst dort, wo Gebäude wenigstens improvisiert zu nutzen waren, also Eingänge, Treppen, schmale Flure oder Türen kein unüberwindbares Hindernis darstellten, waren rollstuhlgerechte Toiletten nur äußerst selten vorhanden. De facto konnten so Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen waren, selbst diese Gebäude nicht nutzen. Damit waren Rollstuhlbenutzer von fast jedem Teil des gesellschaftlichen Lebens ausgeschlossen (vgl. Klee 1974, 92).

Zum zweiten Punkt: öffentliche Verkehrsmittel. Hier war die Situation ähnlich "behindertenfeindlich". Die Bundesbahn war (und ist!) für Rollstuhlfahrer fast gar nicht zu benutzen. Ähnliches galt oftmals für Straßen- oder U-Bahnen und Busse (vgl. Klee 1974, 92).
Dazu ein Text einer Rollstuhlfahrerin: "Nichts ist für mich als Rollstuhlfahrerin ein größeres Problem als meine mangelnde Mobilität. Ich habe kein eigenes Auto und werde auch keinen Führerschein machen können. Ich möchte aber auch die Möglichkeit haben, dahin zu kommen, wo ich will, und dies auch spontan. Eine Fahrt mit dem Behinderten-Taxi muß ich 14 Tage vorher anmelden, und außerdem darf ich es höchstens zweimal pro Woche beanspruchen. Das Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel ist für Gehbehinderte schwierig und für Rollstuhlfahrer fast unmöglich. Ich muß bei jeder Stufe jemanden ansprechen und um Hilfe bitten. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Hamburg-Harburg nach Hamburg-Dammtor zu fahren, bedeutet für mich 11mal eine fremde Person anzusprechen >Können Sie mir mal...< und 11mal >Danke<." (Daniels 1983, 61).

Wohnen

Anfang der 1970er Jahre wohnte nur ein kleiner Teil der körperbehinderten Menschen in Spezialeinrichtungen, v.a. schwerstpflegebedürftige Menschen. Für diese Einrichtungen galt jedoch: sie hatten den Charakter bloßer Verwahranstalten und isolierten die Bewohner vollständig. (vgl. Cloerkes, Kapitel 18, 4). Für diesen Personenkreis stellte damit die Frage nach dem Wohnen tatsächlich ein Problem von entscheidender Bedeutung dar: Heimunterbringung bedeutete fast immer im höchsten Maße soziale Isolation. Gleichzeitig brachte das Wohnen in einem Heim andere Probleme mit sich: Sexualität war "unerwünscht" (vgl. Klee  1987, 172). Oftmals wurden sexuelle Beziehungen der Heimbewohner unterbunden. Ein Beispiel: "Da gibt es ein schwerkörperbehindertes Ehepaar in einem Pflegeheim, dem nahegelegt wurde, sich doch für die Hochzeitsnacht ein Hotelzimmer zu nehmen. Er wohnt jetzt oben auf der Männerstation und sie auf der Frauenstation. Ihr einziger Treffpunkt ist die Kantine. Obwohl Zweibett-Zimmer in dem Haus freistehen, sind diese nur für Gleichgeschlechtliche bestimmt" (Jürgen Knop, 1977, zit. nach: Klee 1987, 173). Vielfach gab es in Heimen für Menschen mit einer Körperbehinderung ausgesprochene Sexual-Verbote, bei deren Missachtung Entlassung drohte und damit evtl. der Einzug in ein Altenheim (vgl. Klee 1987, 173)!
Ein weiteres Problem der Heimunterbringung stellte die Beziehung zwischen Personal und Bewohner dar. Die professionelle Betreuung/ Pflege der Bewohner schuf "starke Abhängigkeiten der behinderten Bewohner, erschwert oder verhindert ihr selbständiges Handeln" (Fandrey 1990, 241). Im übrigen missachtete das Personal der Heime nicht selten elementare Rechte der Bewohner (wie die Intimsphäre, das Briefgeheimnis, etc.). Der Tagebucheintrag einer behinderten Heimbewohnerin: "Die Schwester bringt die Tabletten, sssst ist sie wieder weg. Himmel noch einmal, wieder schließt sie die Türe nicht. Klopf, wum die Türe fliegt an die Wand. Ich habe keine Zeit, herein zu sagen. Nun klebe ich an meine Tür das Schild >>Bitte klopfen, danke<<. Diese Anmaßung meinerseits wurde vom Personal kaum eingehalten." (Johanna H., zit. nach: Daniels 1983, 15).

Der weitaus größte Teil von Menschen mit einer körperlichen Behinderung lebte in Wohnungen, die nicht auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten waren. Wohnungen, die den Bedürfnissen von Menschen mit einer körperlichen Behinderung entsprachen, gab es kaum (vgl. auch Klee 1974, 91). In Frankfurt etwa gab es 1972 nur 10-12 behindertengerechte Wohnungen (vgl. Klee 1981 (a), 73). Dort wo sie geplant waren, dachte man daran, solche Wohnungen konzentriert in bestimmten Wohngebieten oder sogar Spezialeinrichtungen zu bauen. Damit wäre soziale Integration jedoch erneut verhindert worden. (vgl. Cloerkes, Kapitel 18, 4-5)

Ausbildung/ Beruf

Menschen mit einer körperlichen Behinderung hatten im Vergleich mit Nichtbehinderten eindeutig schlechtere Ausbildungs- und Berufschancen. 1973 waren "mehr als ein Drittel der Behinderten nicht ihrer Ausbildung entsprechend beschäftigt. Bei behinderten Absolventen der mittleren Reife sind es mehr als die Hälfte. Doppelt so viele behinderte Facharbeiter sind lediglich als un- und angelernte Arbeiter beschäftigt als nichtbehinderte Facharbeiter. Behinderte steigen um die Hälfte weniger in mittlere oder gehobene Posten auf als Nichtbehinderte. Die Behinderung also, und nicht die fachliche Qualifikation, bestimmen den Berufsverlauf rehabilitierter Behinderter." (Christian Brinkmann 1973, zit. nach Klee, 1981 (a), 123-124; vgl. auch Daniels 1983, 73)

Über das Schwerbehindertengesetz von 1974 (Nachfolger des Schwerbeschädigtengesetz von 1953) wurde versucht, schwerbehinderten Menschen unabhängig der Ursache der Behinderung Arbeitsplätze zu sichern, indem "alle Arbeitgeber, öffentlichen Dienststellen wie private Betriebe mit mehr als 15 Arbeitsplätzen [...] sechs Prozent aller Plätze für Schwerbehinderte bereitstellen" (Klee 1981 (a), 131) müssen, ausgenommen einer Härtefallregelung für bestimmte Betriebe mit bis zu 30 Arbeitsplätzen. Wurde diese Quote von einem Betrieb nicht erfüllt, so musste dieser Betrieb für jeden der nicht mit Schwerbehinderten besetzten Plätze eine Ausgleichszahlung von 100,- DM pro Monat zahlen. (vgl. Klee 1981 (a), 130-131)
Allerdings erfüllten nicht einmal viele der öffentlichen Arbeitgeber die vorgeschriebene Quote, sondern sie zahlten lieber die Ausgleichszahlung. Zwischen 1974 und 1981 jedenfalls war die Arbeitslosigkeit Schwerbehinderter gestiegen! (vgl. Klee 1981 (a), 132-133)

Die Alternative zur Arbeit auf dem freien Arbeitsmarkt war und ist für Menschen mit einer Behinderung die "Werkstatt für Behinderte (WfB)". Hier fanden einige, nicht alle der 60% der körperbehinderten Jugendlichen zwischen 18 und 24 Jahren einen Arbeitsplatz, die sonst arbeitslos blieben. Um 1980 bestanden in den WfBs etwa 30000 Arbeitsplätze, der Bedarf wurde hingegen mit 90000 Plätzen angegeben. Da Menschen mit einer körperlichen Behinderung etwa 10% der Werkstattarbeitsplätze besetzen, kann davon ausgegangen werden, dass um 1980 viele dieser Menschen beschäftigungslos Zuhause oder in Heimen leben mussten. (vgl. Klee 1981 (a), 133)

Selbst für die in den WfBs beschäftigten Menschen ergaben sich mehrere Probleme: der durchschnittliche Lohn war sehr gering (für geistigbehinderte Arbeiter der WfB lag er 1983 bei 100 – 200 DM monat-lich, vgl. Fandrey 1990, 237), die Arbeit in den WfBs ließ sich als "Fließbandarbeit ohne Fließband" (ebd.) charakterisieren, die Beschäftigten erhielten kaum Gelegenheit, sich weiterzuentwickeln. Damit ist auch klar, dass die Werkstatt für Behinderte in den wenigsten Fällen der Weg zur beruflichen Rehabilitation war (nicht einmal 2% aller Werkstattarbeiter konnten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelt werden, vgl. Daniels 1983, 73-76); dies war jedoch eins der Ziele der WfB. (vgl. Fandrey 1990, 235-237)
Im übrigen entsprachen natürlich die Werkstätten für Behinderte den Tendenzen, diese Menschen zu isolieren und auszusondern (vgl. auch Jähnert 1995, 71).

Damit sind einige der wesentlichen Problemfelder für Menschen mit einer körperlichen Behinderung umrissen. Das weite Feld der Rehabilitationseinrichtungen bleibt unbehandelt, soll jedoch charakterisiert werden durch die fundierte Einschätzung von Günter Cloerkes: Es "[...] bleibt [...] festzustellen, dass insbesondere die Rehabilitationseinrichtungen einen entscheidenden Beitrag zur Stigmatisierung behinderter Personen leisten, indem sie im Sinne einer vordergründigen Effizienz eine umfassende soziale Rehabilitation verhindern und statt dessen die Übernahme der abweichenden Behindertenrolle fördern. Unter diesem Gesichtspunkt dienen sie zweifellos eher den Interessen einer gesunden Majorität als denen der Behinderten." (Cloerkes 1985, Kapitel 18, 12)

Keineswegs sind alle Probleme auch nur angedeutet. Dennoch sind diese Informationen über die Lebenssituation von Menschen mit einer körperlichen Behinderung notwendig, will man ihre politische Arbeit und Willensäußerung verstehen können.

Eine Bewegung und ihre Formen

In der Krüppelbewegung lassen sich drei verschiedene Arten von Gruppierungen unterscheiden:

  1. Clubs Behinderter und ihrer Freunde ("CeBeeFs") / Autonome Behindertenclubs
  2. VHS – Kurse "Bewältigung der Umwelt" und ähnliche Initiativen
  3. Krüppelgruppen
CeBeeFs

Die "Clubs Behinderter und ihrer Freunde (CeBeeFs)" hatten zum Ziel, durch ihr Vorbild Ansätze und Anlässe zur Integration zu finden, zu erproben und zu leben. Dies geschah in der gemeinsamen Arbeit von behinderten und nichtbehinderten Menschen. Der erste CeBeeF entstand bereits 1968 in Hamburg, vier Jahre später schlossen sich die Clubs zur BAG C ("Bundesarbeitsgemeinschaft der Clubs behinderter und ihrer Freund") zusammen.

Ganz klar lässt sich in den CeBeeFs der Konflikt mit den Elternvereinen und –gruppen erkennen: "Lassen wir uns nicht von Vereinsmeierei und Verbandsegoismus aufs Kreuz legen, wir brauchen uns nicht auf liebe Onkels und Tanten zu besinnen, die uns in Ewigkeit betreuen und bevormunden wollen. Besinnen wir uns – endlich auf uns selbst." (CeBeeF-Magazin 1/1971, 4, zit. nach: Fandrey 1990, 264). "Was wir jedoch nicht mehr zu akzeptieren bereit sind, ist das [...] immer wieder beschworene >Recht der Eltern auf ihre Kinder<" (CeBeeF-Magazin 1/1971, 44, zit. nach: ebd.)

Die beiden zentralen Forderungen in der Arbeit der CeBeeFs waren:

  1. Aktive Partnerschaft
    Es sollte durch das gegenseitige Akzeptieren von Nichtbehinderten und Behinderten eine gleichberechtigte Gemeinschaft entstehen, in der Hilfeleistungen wie selbstverständlich geleistet werden.
  2. Abwendung von Mitleid
    Der Titel eines Flugblattes der CeBeeFs macht deutlich, war hierunter zu verstehen ist: "Schluß mit Mitleid und Betreuung für Behinderte. Statt dessen Selbstbestimmung und Eigeninitiative". (vgl. Sandfort 1990, 11)

Dabei beschränkten sich die Clubs auf systemimmanente politische Forderungen und lehnten radikale, die Regeln verletzende Aktionen ab (vgl. Fandrey 1990, 264; Sandfort 1990, 12, Sierck 1982, 152).
Erfolg der CeBeeFs war für viele Mitglieder eine "Verminderung oder Aufhebung bisheriger sozialer und persönlicher Isolation" durch die "Organisierung dieser Clubs und die damit verbundenen Aktivitäten" (Fandrey 1990, 264).
Allerdings ging die zunächst stark erscheinende gesellschaftsverändernde Kraft der CeBeeFs durch die BAG C sehr bald verloren, die meisten der CeBeeFs beschränkten sich auf die Organisation einiger Freizeitaktivitäten (vgl. Sandfort 1990, 12).

Der Name der CeBeeFs wurde teilweise in den 1970er Jahren von autonomen Behinderten-Clubs beibehalten, die dann in der Krüppelbewegung weiterhin eine Rolle spielten (Sandfort 1990, 12).

VHS-Kurse

Einige Zeit später entstanden VHS-Kurse; der erste und bekannteste Kurs fand 1974 statt. In diesem Kurs mit Gusti Steiner und Ernst Klee als Kursleiter arbeiteten behinderte und nichtbehinderte Menschen zusammen unter dem Titel "Bewältigung der Umwelt" (diese Thematik wurde später auch von anderen Bildungsträgern übernommen) (vgl. Klee 1981 (b), 15-16). Für den gegenseitigen Umgang Behinderter und Nichtbehinderter und das eigene Bewusstsein waren folgende Ziele formuliert:

Für Behinderte:

  • Überwindung der individuellen Isolation
  • Erkennen eigener Bedürfnisse
  • Selbstorganisation und Eigeninitiative
  • Verhaltensänderung durch Lernerfahrung
  • Entwicklung eines Selbstbewusstseins und Selbstwertgefühls

Für Nichtbehinderte

  • Sensibilisierung für die Probleme und Lebenssituation Behinderter
  • Überwindung der Scheu vor Behinderten
  • Schaffung eines persönlichen und damit "normalen Verhältnisses zu Behinderten"
    (vgl. Klee 1987, 210-211; Sandfort 1990, 19)

Außerdem sollten Hindernisse baulicher und gesellschaftlicher Art nicht mehr als gegeben hingenommen werden, sondern als Herausforderung angenommen und gemeinsam beseitigt werden (vgl. Sandfort 1990, 19-20; Jähnert 1995, 72). Dazu wurden Problemfelder erarbeitet. Auf konkrete Probleme sollte dann die Öffentlichkeit durch eine Demonstration aufmerksam gemacht werden; eine Demonstration, die tatsächlich zeigt, wie Menschen mit einer körperlichen Behinderung durch v.a. bauliche Din-ge weiter behindert werden. Die Demonstration und das Vertreten des eigenen Standpunktes (also v.a. das Gespräch mit Verantwortlichen und Passanten) wurden im Rollenspiel geplant und geübt, schließlich nach der Aktion selbst die Ergebnisse ausgewertet (vgl. Klee 1987, 212; Sandfort 1990, 20).
Kritisiert und abgelehnt wurde von dem VHS-Kurs auch das Streben nach Integration, wenn sich dies nur an den gängigen Werten und Normen der Gesellschaft orientiert. Das Anderssein der Menschen mit einer körperlichen Behinderung sollte nicht mehr Manko sein. (vgl. Sierck 1982, 152-153, Jähnert 1995, 72)

Neben einer später ausführlich vorgestellten Demonstration hat der VHS-Kurs von Gusti Steiner und Ernst Klee verschiedene Demonstrationen in Frankfurt zur baulichen Ausgrenzung von Menschen mit einer körperlichen Behinderung durchgeführt (an verschiedenen Ämtern, zwei Kriegsopferverbänden, der Hauptpost, etc.). Die bemängelten Gebäude erhielten das Prädikat "behindertenfeindlich". (vgl. Klee 1987, 212-227)
Des weiteren hat der Kurs verschiedene satirisch – ironische Aktionen initiiert und durchgeführt: "Rent-a-Spasti" war der Versuch, satirisch damit umzugehen, dass u.a. Politiker sich immer wieder des Bildes vom "armen Behinderten" bedienen, um Werbung für ihre Großmütigkeit zu machen (vgl. Klee 1987, 228-230). "Die goldene Krücke" wurde 1978 erstmalig vergeben für eine Werbung des HUK-Verbandes, die mit dem Slogan "Verkrüppelt für den Rest des Lebens ... ist ein schlimmer Tod!" Assoziationen zum Gedanken des lebensunwerten Lebens hervorrief (vgl. Klee 1987, 230-231).

Die wichtigsten Erfolge dieses ersten Kurses und der daraus entstandenen weiteren Kurse im gesamten Bundesgebiet waren, dass überall bauliche Barrieren abgebaut und das Bewusstsein für die Probleme Behinderter gewachsen sind. Persönlich hat sich sicherlich für viele Teilnehmer dieser Kurse oftmals auch das Gefühl ergeben, etwas verändern zu können, Erfolg zu haben und anerkannt zu sein. (vgl. Klee 1987, 241-242)

Krüppelgruppen

Die Praxis der Zusammenarbeit von behinderten und nichtbehinderten Menschen in den beiden o.g. Organisationsformen wurde zunächst von einzelnen Menschen mit einer Behinderung kritisiert: In beiden Gruppierungen wurden die Machtverhältnisse zwischen Behinderten und Nichtbehinderten nicht hinterfragt (vgl. Sierck 1982, 153). Die Kritiker schlossen sich zu eigenen Gruppen zusammen, in denen Nichtbehinderte nicht zuge-lassen wurden. Damit sollte erreicht werden, dass eben nicht Nichtbehinderte die Aktivitäten tragen und vorbereiten, sondern der "Krüppel" sich selbst finden und durch eigenverantwortliches Handeln emanzipieren kann (vgl. Sierck 1982, 153). Übrigens: lediglich die Mitglieder dieser Gruppen nannten sich selbst "Krüppel"; dieser ursprünglich diskriminierende Begriff sollte das Selbstvertretungsrecht und Selbstbewusstsein verdeutlichen (vgl. Daniels 1983, 10; Mürner 1979, 366; Mürner 1997, 174).

Die bundesweit erste "Krüppelgruppe" wurde 1977 von Horst FREHE und Franz CHRISTOPH in Bremen gegründet. Politische Position der Krüppelgruppen war "nicht die Forderung nach In-tegration, statt dessen wird die nichtbehinderte Öffentlichkeit mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten konfrontiert" (vgl. Sierck 1982, 153). Konkrete Forderungen der Krüppelgruppen sollen aufgrund gemeinsamer oder ergänzender Erfahrungen der Mitglieder an die Öffentlichkeit getragen werden. Hier wird auch deutlich, wieso die Gruppen "Nicht-Krüppel" ausschlossen, denn: "die Erfahrungen als Krüppel unterscheiden sich dabei wesentlich von denen der Nichtbehinderten:

  • Nur Krüppel erleben ein gefühlsmäßiges Schwanken der Eltern, deren Ursache allein im eigenen Anderssein begründet liegt. [...]
  • Der Krüppel wird zum Objekt in einem detailliert festgelegten Tagesablauf [...]
  • Lediglich als Krüppel kann ich ermessen, was es heißt, zwangsweise Therapieversuche vor interessierten Zuschauern demonstrieren zu müssen. Der Eindruck, ein exotisches Wesen zu sein [...]
  • Bereits diese Erfahrungen legen fest, wer aktiv und passiv zu sein hat, wer handelt und wer behandelt wird. Die Trennung in Nichtbehinderte und in Krüppel wird sichtbar.
  • Krüppel werden so erzogen, als hätten sie keine Sexualität. [...]
  • Die ständige Angst vor Aussonderung führt entweder zur Überanpassung ([...]) oder zur Selbstaufgabe ([...])." (zit. nach: Sierck 1982, 153-154)

In den Krüppelgruppen sollten die Krüppel die Möglichkeit haben, die eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu erkennen und nach Wegen zu suchen, diese durchzusetzen. Das bedeutete auch: Krüppel mussten für sich nach neuen Werten suchen und Widerstand leisten gegen die erdrückenden "normalen" Normen (vgl. Sierck 1982, 155). Generell waren jedoch auch hier die Inhalte parallel zu denen der anderen Gruppierungen:
Emanzipation, Demonstration und Selbsterfahrung (vgl. Sandfort 1990, 13).

Streitbar ist, ob tatsächlich alle dieser drei Gruppen zur "Krüppelbewegung" zu zählen sind. Vertreter reiner Krüppelgruppen lehnten dies verschiedentlich ab . In dem hier zu betrachtenden, übergeordneten Kontext der Emanzipation von Menschen mit einer körperlichen Behinderung haben jedoch auch die beiden erstgenannten Gruppierungen ihre Berechtigung, denn:

  • Ihre Zielsetzung, also die Emanzipation von Menschen mit einer körperlichen Behinderung (vgl. auch Sandfort 1990, 7) entspricht der der reinen Krüppelgruppen, auch wenn die theoretische Auseinandersetzung mit dem Machtverhältnis Behinderte – Nichtbehinderte weniger intensiv und radikal stattgefunden hat
  • Diese Gruppierungen "erreichten" eine größere Anzahl an Menschen mit einer Behinderung und waren damit für viele Betroffene von einer ähnlichen Bedeutung wie dies die Krüppelgruppen für ihre Mitglieder sein dürften.
Öffentliches Wirken und Auftreten

Gruppierungen der Krüppelbewegung wurden zu unterschiedlichen Zeitpunkten in besonderem Maß in der Öffentlichkeit wahrgenommen. Anlass war häufig eine besonders spektakuläre oder provozierende Aktion. Einige dieser Aktionen sollen hier vorgestellt werden.

Frankfurter Straßenbahnblockade
In einer bereits o. g. Aktion des VHS-Kurses "Bewältigung der Umwelt" prüfte der Kurs die Zugänglichkeit von Gebäuden für Rollstuhlfahrer. Am 18. Mai 1974 wurde er dabei begleitet von einem Fernsehteam des ZDF und WDR. Nach der "Prüfung" mehrerer Gebäude machte sich der Kurs schließlich auf zu einer Straßenbahnhaltestelle. Dort versuchte ein Teilnehmer im Rollstuhl, in die Straßenbahn einzusteigen. Nachdem die erste Straßenbahn einfach weiter gefahren war, nahm sich bei der zweiten der Fahrer die Zeit, zu prüfen, ob denn der Rollstuhlfahrer in die Bahn könnte. Sein Urteil über den Einstieg: "Zu schmal. Sie sehen selbst: eine Sperre versperrt die Tür, dass der Rollstuhlfahrer nicht rein kann. Damit ist es leider unmöglich für ihn, Straßenbahn zu fahren." (zit. nach Klee 1981 (a), 38). Inzwischen war Gusti STEINER auf die Straßenbahnschienen gefahren, er blockierte damit den Weg für den Zug. Per Megaphon erklärte er, dass Behinderte durch öffentliche Verkehrsmittel "in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt" (zit. nach Klee 1981, 39) werden. Da es Samstag war und die Straßen sehr bevölkert, erregte STEINER damit viel Aufsehen, eine Menschenmenge sammelte sich, schließlich versuchten sogar zwei Polizisten, ihn wegzubewegen, wollten ihn jedoch nicht selbst von den Schienen heben. Die Reaktionen der Passanten reichten von Verständnis dafür, dass eine so kleine Gruppe nur über solche Aktionen Aufmerksamkeit erlangen kann, bis zur offenen Verachtung und Progromstimmung. Erst nach einer halben Stunde gab Gusti STEINER die Schienen wieder frei. (vgl. Klee 1981 (b), 35-44).

Die Aktion fand sehr große Beachtung. Der Fernsehfilm, den das WDR gedreht hatte, wurde sehr positiv aufgenommen, er zwang dazu, "die eigene Haltung, auch die des Mitleids zu überprüfen". (vgl. Klee 1987, 215)

Asylantrag von Franz CHRISTOPH in den Niederlanden
Diese Aktion fand in der bundesdeutschen Öffentlichkeit kaum Beachtung. Dennoch möchte ich sie hier kurz vorstellen, denn deutlich wird hieran auch, welch unmittelbare Bedeutung die Arbeit in der Krüppelbewegung für den einzelnen hatte bzw. wie direkt die Arbeit und Forderungen der Krüppelbewegung mit dem persönlichen Leben des Einzelnen verknüpft waren.

Anfang Dezember 1979 stellte Franz CHRISTOPH einen Asylantrag in den Niederlanden – der Grund: er sah sich "als politischen Behinderten unterdrückt – einmal von der bundesdeutschen Polizei, zum anderen von Linkssektierern und schließlich von Behinderungsfachleuten", die "Behinderte noch immer selbstverständlich auf Grundlage ihres `akademischen Status´ zum Objekt ihrer verschiedenen Ideologien machen" (Christoph 1979, 344). Den Antrag begründete Franz CHRISTOPH sehr ausführlich, und zwar aus "seiner Reflexion der Lebensrealität im Nachkriegsdeutschland" (Tscherner 1997, 48). Er sah seine Lebensgeschichte als "exemplarisch an für die allgemeine Unterdrückung von uns Behinderten" (vgl. Christoph 1979, 364).

Was waren die Gründe, die Franz CHRISTOPH nannte? Welche Lebensrealität beschrieb er?

  • Seine Eltern konnten ihn als Krüppel nicht annehmen, sie sahen in ihm eine Strafe des Himmels
  • Das Personal im Krankenhaus bestrafte ihn dafür, dass er sich ge-gen das Tragen schmerzhafter Prothesen wehrte
  • Wegen bestimmter Normvorstellungen der Umwelt wurde er in eine Behindertenanstalt eingewiesen; der Persönlichkeitsvernichtung dort konnte er sich nur durch Flucht entziehen
  • Bei seinen Arbeitsstellen wurde er ständig unterfordert und zu den blödsinnigsten Arbeiten angehalten
  • Er wurde u.a. von Wissenschaftlern als interessantes Objekt zum Studieren benutzt
    (vgl. Tscherner 1980, 9)

Der Asylantrag wurde letztendlich zwar abgelehnt, aber Franz CHRISTOPH hatte die Medien informiert und beträchtliche Unterstützung von niederländischen Behindertengruppen, Behindertenpädagogen, Studenten und einigen holländischen Sozialdemokraten erhalten. Wenigstens erhielt er eine Aufenthaltsgenehmigung. (vgl. Christoph 1983, 66-67).

Aus Deutschland erhielt Franz CHRISTOPH weniger Unterstützung (vgl. TSCHERNER 1980, 7): zwar sprachen sich auch hier Gruppierungen für seinen Antrag auf Asyl aus (vgl. BREMER KRÜPPELGRUPPE 1980, 12), sein Antrag löste aber eine heftige Diskussion innerhalb der Krüppelbewegung aus: zur Abstützung seines Antrages war CHRISTOPH auf positive Unterstützung durch Nichtbehinderte angewiesen (u.a. von ihm zuvor heftig angegriffene Professoren); zum zweiten wirkte der Antrag mehr wie ein Akt der persönlichen Profilierung (vgl. Frehe 1980, 18).

Nach Erteilung der Aufenthaltsgenehmigung brach Franz CHRISTOPH die Aktion ab: er sah sein politisches Ziel erreicht, nämlich "den Konflikt zwischen Behinderten und Nichtbehinderten deutlich zu machen" (vgl. Christoph 1983, 67).

 

Behinderten – Demonstration in Frankfurt am 8. Mai 1980
Dies war eine der bedeutendsten Aktionen, die von Gruppierungen aller drei Richtungen getragen wurde: am 8. Mai 1980 demonstrierten in Frankfurt 5000 geistig Behinderte, Körperbehinderte und Nichtbehinderte gegen ein Urteil, wonach Schwerbehinderte den Urlaubsgenuss beeinträchtigen können (s.o.). Mit 5000 Teilnehmern war dies die zu der Zeit größte Demonstration dieser Art in der Bundesrepublik Deutschland und in Europa. (vgl. Klee 1987, 242; Fandrey 1990, 254-255)

Aktionen gegen das UNO-Jahr der Behinderten 1981
Nach der Behindertendemonstration 1980 arbeiteten Gruppen aller drei Richtungen weiterhin zusammen. Anlass war das bevorstehende UNO – Jahr der Behinderten 1981, zu dem sich nun die "Aktionsgruppe gegen das UNO – Jahr der Behinderten" (Sandfort 1990, 13) bildete. Die Aktionsgruppe war davon überzeugt, dass das Jahr der Behinderten kaum positive Veränderungen bringen würde, sondern lediglich an den guten Willen aller appellieren würde. Die Reden und Festveranstaltungen waren für die Mitglieder der Aktionsgruppe eher eine Gefahr für die Anfänge der Selbstorganisation, ihren eigenen Forderungen widersprechend. (vgl. Sandfort 1990, 13-14)

Gemeinsam wurde eine Protestaktion geplant; bei der Eröffnungsveranstaltung zum UNO-Jahr besetzten die Mitglieder der Aktionsgruppe die Bühne der Festredner in Dortmund. In einer verlesenen Resolution sprach sich das Aktionsbündnis gegen Sondereinrichtungen, Sonderhilfsmittel oder Sonderbehandlung aus und forderten die Anerkennung ihres Selbst-vertretungsrechte (vgl. Sandfort 1990, 14)
Erfolg dieser und der übrigen Aktionen 1981 (s.u., "Krüppeltribunal") war ein großes Maß an Solidarität unter den verschiedenen Gruppen der Krüppelbewegung, aber auch eine Veränderung des Bildes der Behinderten in der Öffentlichkeit: die Aktionen widerlegten das Bild, dass der Behinderte "dankbar, demütig, unselbständig, ohnmächtig" (Sandfort 1990, 14) ist. Statt dessen bemerkte eine breite Öffentlichkeit erstmals eine Gruppe selbstbewusster, sich mit der Realität auseinandersetzender und gegen Missstände ankämpfender Behinderter. (vgl. Jähnert  1995, 70; Sandfort 1990, 14)

Allerdings: einige Menschen mit Behinderung die nicht der Krüppelbewegung angehörten, waren enttäuscht und verärgert über die radikale Störaktion (vgl. Pressespiegel in: Krüppelzeitung 1/81, 50).

 

Eröffnung der Reha 81 – Krüppelschläge
Die REHA 1981 machte Franz CHRISTOPH auch einer breiten bundesdeutschen Öffentlichkeit bekannt: bei der Eröffnung dieser Messe am 18.6.1981 schlug CHRISTOPH den damaligen Bundespräsidenten Carstens, nach einer Provokation "Carstens, haben Sie denn aus den Dortmunder Ereignissen nichts gelernt? Sie sind ja schon wieder Schirmherr." (zit. nach: Christoph 1983, 16) mit seiner Krücke gegen das Schien-bein. Damit der erste Schlag nicht als "Ausrutschen" gedeutet werden konnte, gleich zweimal. (vgl. Christoph 1983, 15-16; Mürner 1997, 175; Jähnert 1995, 70)Damit war die Feierstunde geplatzt, Redner verzichteten auf ihre Beiträge (vgl. Christoph1983, 18; KRÜPPELZEITUNG 2/81, 23).

Was wollte CHRISTOPH verdeutlichen?
'Er beschreibt seine Motive: solange das Selbstvertretungsrecht der Krüppel auf "normalem" Weg, also über Artikel in Zeitungen, Fernsehsendungen, Diskussionsveranstaltungen etc. gefordert wurde, passierte nicht Der "Widerstand von Behinderten wird nicht ernst genommen, wird sogar als netter kritischer Farbtupfer gesehen und verkommt zum Programmteil der Gesamt-Show." (Christoph 1981, 24). Und weiter: "Als wir in Dortmund die Bühne besetzten, [...] erklärte uns ein Mitarbeiter der Nationalen Kommission, er habe unsere Bühnenbesetzung gar nicht so sehr als Störung empfunden, sondern eher als ein Teil des Programm Vielleicht hat er recht, vielleicht sind kritische und ein bisserl aufmüpfige und noch halbwegs lebendig wirkende Behinderte eher als ein Beweis einer gelungenen Rehabilitationspolitik zu benutzen. [...] Was als Protest gegen eine mißlungene und entwürdigende Rehabilitationspolitik gemeint ist, wird uminterpretiert in einen Beweis gerade für die Qualität dieser Politik." (zit. nach: Christoph 1981, 25)

Franz CHRISTOPH wollte provozieren, wollte so provozieren, dass die Provokation nicht mehr umgedeutet werden kann.Die Konsequenzen seiner "Krüppelschläge": keine. Carstens verzichtet auf eine Anzeige. Damit wurde deutlich, was Franz CHRISTOPH auch zeigen wollte: Behinderte werden "nicht mal als Straftäter oder gar Attentäter ernst genommen" (vgl. Christoph 1983, 15; MICHL 1984, 24). Sogar die "Bild"-Zeitung drückte das in ihrem Titel aus: "Der Widerstand der Behinderten wird nicht ernst genommen" (zit. nach Mürner 1997, 175). Dies wird in der KRÜPPELZEITUNG als "besonders subtile Form der Gewalt gegen uns [also die Krüppel, M.B.]" (2/81, 23) gewertet: das Nicht – Ernstnehmen."  

Krüppeltribunal
Schon während den Störaktion der Aktionsgruppe zum UNO – Jahr der Behinderten hatten die Krüppel für das Ende des Jahres 1981 ein "Krüppeltribunal" angekündigt, bei dem durch die öffentliche Anklage der Missstände im Behindertenbereich die Lebenssituation Behinderter aufgezeigt werden sollte. (vgl. Sandfort 1990, 14)
Bei den Vorbereitungen zum Krüppeltribunal, die zunächst von Gruppierungen aller drei Richtungen getragen wurden, kam es jedoch zu Konflikten über die Frage der Beteiligung Nichtbehinderter. Diejenigen, die "ihre Selbstvertretung durch die Mitarbeit Nichtbehinderter verletzt sahen" (Sandfort 1990, 15) beteiligten sich schließlich nicht an den Vorbereitungen, be- oder verhinderten diese bzw. das Krüppeltribunal jedoch nicht. (vgl. Sandfort 1990, 15; Tobias 1981, 29-30; Gerlef 1981, 31-35 und Sierck 1981, 36-41)

Von 15 Gruppierungen aus verschiedenen Städten wurden schließlich verschiedene "Anklagepunkte" erarbeitet, die aufzeigen sollten, dass Entmündigung und Isolation Behinderter weitverbreitet ist, dass die immer neue Ghettobildung die angestrebte Integration in die Gesellschaft verhindern. (vgl. Daniels 1983, 10; Sandfort 1990, 15)
Die Anklagepunkte, die im Dezember 1981 schließlich "verhandelt" wurden, waren:

  1. Heimsituation
  2. Behördenwillkür
  3. Fahrdienst
  4. Arbeitslosigkeit und Werkstätten für Behinderte
  5. Rehabilitationszentren
  6. Medien
  7. Behinderte Frauen
  8. Pharmaindustrie
  9. Psychiatrie (vgl. Sandfort 1990, 16; vgl. auch Daniels 1983, 5-11)

Die Erfolge des Krüppeltribunals waren gering; in der von den Beteiligten 1983 herausgegebenen Dokumentation wird beschrieben, was nach 1981 tatsächlich passierte: bis 1985 sollten über 100 Millionen Mark bei der beruflichen und medizinischen Rehabilitation eingespart werden (1/6 des ge-samten Etats); die Steigerung der Sozialhilfe wurde 1982 aus 3%, 1983 sogar auf 2% gesenkt; ein "Sofortprogramm" zum Bau von 60000 Sozialwohnungen, teilweise für Menschen mit einer körperlichen Behinderung, wurde gestrichen etc. (vgl. Daniels 1983, 7-8)

Diese Kürzungen sind natürlich nur im gesamtgesellschaftlichen und –wirtschaftlichen Kontext richtig zu bewerten. Dennoch treffen sie hier die Gruppe der körperlich behinderten Menschen besonders hart und verhin-dern die Veränderung der aufgezeigten behindertenfeindlichen Benachteiligungen.

Der Krüppelstandpunkt
Damit sind die wichtigsten äußeren Stationen der Krüppelbewegung bis 1981 beschrieben. Der Krüppelbewegung ging es aber um mehr; neben der Beseitigung der äußeren Benachteiligungen muß für Menschen mit einer körperlichen Behinderung das Schaffen und Akzeptieren eigener Werte und Normen stehen.
Akzeptieren Menschen mit einer Körperbehinderung die gängigen Werte und Normen, bleiben ihnen oft nur "Selbsthaß und Minderwertigkeitsgefühle" (vgl. Klee 1974, 109). Akzeptieren Krüppel die Vorstellung der "marktwirtschaftlichen Norm vom Überleben der Tüchtigsten", so zählen sie wohl zwangsläufig zu den 10% der Menschen, deren "Lebenswert" negativ scheint (vgl. Dörner 1999, 29). [Zwar wird dieser Gedanke nach der NS-Zeit kaum noch in dieser Form geäußert, hingegen in den Köpfen eines Teils der Bevölkerung zumindest besteht er fort. Dies zeigten sogar gelegentlich Kommentare von Unbeteiligten zu Aktionen der Krüppelbewegung ("bei Hitler wäre >>so was<< vergast worden", "die arbeiten ja nicht"; Kommentare von Passanten zur Straßenbahnblockade (s.o.), vgl. Klee 1987, 214;).]

Krüppel müssen also ihre eigenen Normen schaffen, wollen sie nicht an denen der Nicht-Krüppel scheitern. Damit ist ein Prozess jedes einzelnen Krüppels beschrieben. Franz CHRISTOPH verfasste 1980 seinen "Krüppelstandpunkt", in dem er aufzeigt, wie behinderte Menschen trotz aller Krüppelbewegung eben doch die Normen der Nichtbehinderten annehmen. Seine Forderungen:

Nichtbehinderte sollen

  • endlich zugeben, dass sie an der gewaltsamen Ausgrenzung Behinde-ter beteiligt sind;
  • nerkennen, dass sie immer noch den Behinderten das Recht absprechen, für sich selbst zu sprechen;
  • zugeben, dass sie denken, dass Behinderte gemessen an ihren Wertvorstellungen ein unwertes Leben führen;
  • versuchen, ihre Normalität und Wertkategorien zu hinterfragen;
  • als Wissenschaftler an sich selbst forschen und nicht die Behinderten zu ihren Forschungsobjekten machen.

Behinderte sollen

  • erkennen, dass ihre Existenz in dieser Gesellschaft auf Lügen, Berechnung und Verdrängung besteht;
  • erkennen, dass sie in Heimen zu verfaulen gezwungen werden
  • zugeben, dass sie für ein wenig Anerkennung durch Nichtbehinderte sich zu verkaufen und seelisch zu prostituieren bereit sind;
  • zugeben, dass unter den Behinderten wieder die Wertmaßstäbe der Nichtbehinderten gelten, also der am ehesten "normale" am meisten zählt. (Christoph 1980, 59)

In "langsamer Annäherung und Auseinandersetzung zwischen Behinderten und Nichtbehinderten" können diese Forderungen umgesetzt werden; dann auch ist es möglich, dass Menschen mit Behinderung ihre eigenen, ihrer Lebensrealität entsprechenden Wertmaßstäbe entwickeln und dazu stehen (Christoph 1980, 59).

Die Krüppelbewegung zwischen 1981 und 1994

Nach 1981 kam es zu einer "Flaute" in der Behindertenbewegung. Die wenigen sehr stark Aktiven der Krüppelszene zogen sich in ihre Städte zurück und arbeiteten auf regionaler Ebene weiter. Die Gründe dafür sind unterschiedlich. Zum einen hatten die Jahre 1980/ 1981 sehr viel Kraft und Engagement gekostet. Zum zweiten hatte sich zwar das Bild des Behinderten in der Gesellschaft durch die Krüppelbewegung gewandelt, trotzdem wurden Sondereinrichtungen weiter gebaut. Resignation bei den Aktiven war teilweise die Folge (vgl. Fretter 1994, 15). Auch die persönliche Situation vieler Aktiver änderte sich (Ende des Studiums / Berufstätigkeit; Aufbau einer Erwerbsquelle im großen Bereich der "Behindertenarbeit", etc.). (vgl. Sandfort 1990, 16-17)

Horst FREHE zeichnete 1994 folgendes Bild: nach 1981 hat sich die Krüppelbewegung umorientiert: "Die einen haben die ambulanten Dienste aufgebaut, die anderen haben sich politisch bei den GRÜNEN organisiert, und eine nicht zu vergessende Gruppe ist kommunalpolitisch aktiv geworden, für bessere Fahrdienste, besseren Nahverkehr eingetreten usw. [...] Die Phase von 85 bis 89 ist letztendlich geprägt durch die Gründung der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung. [...] Die dritte Phase, also von 1989 bis jetzt, ist geprägt durch zwei Entwicklungen: Vor allem durch die ADG-Bewegung [Anti-Diskriminierungs-Gesetz, M.B.] [...] und daneben bzw. dagegen gibt es das Anti-Eugenik-Forum, die ganze Lebensrechts-Debatte." (vgl. RANDSCHAU 1994, 9; RANDSCHAU 1994, 16-19).

Hinzuzufügen ist: nachdem 1981 beim Krüppeltribunal erstmals die Problematik "Krüppelfrauen" mit Aspekten wie Schönheitsideal, Vergewaltigung und Gynäkologie in der Öffentlichkeit thematisiert wurde, fanden sich im Anschluss in verschiedenen Städten "Krüppelfrauengruppen" zusammen. Diese beschäftigten sich dann mit der doppelten Diskriminierung als Behinderte und als Frau. 1982 fand in Marburg das erste bundesweite Krüppelfrauentreffen statt. Erfolg der Arbeit der Krüppelfrauengruppen ist u.a., dass seit Anfang der 1980er Jahre erstmals wissenschaftliche und persönliche Literatur zum Thema "Frauen mit Behinderung" erschien (etwa 1985 das Buch: "Geschlecht: behindert, besonderes Merkmal: Frau").

Die Szene der Krüppelfrauen arbeitete parallel, aber nicht deckungsgleich zur männerdominierten Krüppelszene. (vgl. Schopmanns 1994, 26). Die Krüppelbewegung insgesamt hat sich verändert: es existiert nicht mehr die in der kurzen

Zeit vor und um 1981 einheitliche Thematik aller Gruppen der Krüppelbewegung; die Krüppelbewegung hat sich nach Interessen und Arbeitsformen aufgeteilt. Deutlich wird dies auch in der Entwicklung des Krüppelforums, eines ehemals bundesweiten Austauschforums verschiedener Krüppelinitiativen. In den Anfangsjahren der Krüppelbewegung "Kristallisationskern" (Schmidt 1994, 24) dieser, ist es heute lediglich noch ein Zusammenschluss von Einzelpersonen. (vgl. Schmidt 1994, 24; Seidler 1994, 25)

Ausblick

Die Krüppelbewegung ist heute eine andere als noch 1981 oder auch 1989. Dies wurde deutlich bereits in dem kurzen Überblick über die Jahre 1990 bis 1994. Dennoch bleibt festzuhalten:

Die Diskriminierung von Menschen mit einer körperlichen Behinderung besteht fort. Gleichzeitig ist gerade in dem Punkt "Eugenik / Euthanasie" das Ziel der Krüppelbewegung nicht erreicht oder umgesetzt. Erfolg war zwar u.a., dass die Öffentlichkeit für dieses Thema sensibilisiert wurde (so wurde z.B. 1989 ein Vortrag des umstrittenen australischen Philosophie - Professors Peter Singer verhindert. Was jedoch die zukünftige Entwicklung in diesem Bereich sein wird, ist kaum abzusehen (z.B. die Entwicklung der "Bioethik - Konvention").

Ein Erfolg konnte jedoch 1994 noch errungen werden: am 30. Juni 1994 beschloss der Bundestag die Änderung des Grundgesetze Der Artikel 3, Absatz 3 wurde um den Satz "Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden" ergänzt. Nach der Zustimmung des Bundesrates trat das neue Grundgesetz am 15. November 1994 in Kraft. (vgl. Heiden 1996, 15)
Inwiefern in der Bundesrepublik in Zukunft Diskriminierung durch veränderte Gesetze und Vorschriften aufgrund des Artikels 3, Absatz 3 verhindert wird, bleibt abzuwarten. (vgl. Heiden 1996, 26-27)

Krüppelschläge von Franz Christoph
Krüppelschläge auf der Reha 1981 durch Franz Christoph (aus Christoph 1983)

Literatur

Eine Anmerkung: Bei mehreren Artikeln der "Krüppelzeitung" steht als Verfasserangabe jeweils nur ein Vorname unter der Veröffentlichung. Dieser wird dann in dieser Arbeit in Großbuchstaben zur Angabe der Quelle genutzt.

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BREMER KRÜPPELGRUPPE: "Betrifft: Asylantrag von Franz Christoph", in: Krüppelzeitung 1/80, 12.

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Tscherner, Klaus: "Politisches Asyl für Krüppel", in: Krüppelzeitung 1/80, 6-11.

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